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Ist Ihnen das auch schon passiert? Da hören oder lesen Sie etwas und - verstehen es nicht? “Klar!” werden Sie jetzt sagen: “Die Bedienungsanleitung für meinen Videorecorder!”

Das geht mir nicht anders. Aber ich meine eine andere Situation: Sie haben Fragen und sind auf der Suche nach Antworten. Und dann erhalten Sie Erklärungen, die Ihnen etwas mitteilen sollen, die jedoch nicht zu verstehen sind. Aber nicht etwa, weil Ihr Gegenüber einen Dorfdialekt aus dem Westen der Tuamoto-Inseln benutzt, sondern weil er Fachbegriffe verwendet, die Sie nicht verstehen können!

 

Beispiel 1

Internetseite der Allianz: Sustainability
Bild vom 11.01.2003

Wie rücksichtslos und ignorant knallharte PR–Profis mit dem Informationsbedürfnis von Surfern umgehen, sehen wir hier:

Da versucht doch tatsächlich die PR–Abteilung der Allianz ihren Vorstandsvorsitzenden Dr. Henning Schulte–Noelle, Gebieter über ich-weiß–nicht–wie-viele–tausend Mitarbeiter, als rhetorisches Weich-Ei zu verkaufen, indem sie ihn ein zartes “Commitment“ (to commit, engl.: anvertrauen, übergeben, commitment, engl.: Übergabe, (jur.) Einweisung) in den markanten Mund legt, bei dem der Großteil der Surfer im Wörterbuch nachschlagen muss, um es zu verstehen.

Lassen Sie sich diese Aussage einmal auf der Zunge zergehen. Zitat:

”Die Allianz steht für Nachhaltigkeit, Kontinuität und Berechenbarkeit. Auch international wollen wir ein wichtiger Motor von Sustainable Development werden.

Dr. Henning Schulte-Noelle,
Vorstandsvorsitzender der Allianz AG”

 

 

Was heißt eigentlich “sustainable“? In meinem Hinterkopf rührt sich ein Rudiment (= von früher verbliebener Rest) aus dem mittlerweile 30 Jahre zurückliegenden Englischunterricht und versucht mir mitzuteilen, dass “to sustain“ soviel wie “stärken“ bedeutet. Beim Nachschlagen entdecke ich gleich sechs (!!) verschiedene Bedeutungen:

  • stärken
  • Interesse aufrecht erhalten
  • Schaden/Verlust erleiden
  • Ton (aus)halten
  • Einspruch stattgeben
  • Gewicht erhalten/tragen

Nun bedeutet Development Entwicklung. In der Annahme, dass die Allianz keinen Schaden/Verlust erleiden, keinen Ton (aus)halten, keinem Einspruch stattgeben (das ist in der Regel Aufgabe von Richtern) oder ein wie auch immer geartetes Gewicht erhalten/tragen will, scheiden die Möglichkeiten 3. bis 6. aus.

Nun glaube ich mich zu erinnern, dass “to sustain“ das Verb, “sustainable“ jedoch das Adjektiv ist. So bleiben noch starke oder Interesse-aufrecht-erhaltende Entwicklung als Alternativen. Beides hat nach meiner Interpretation mit Nachhaltigkeit zu tun.

Nachhaltige Entwicklung hört sich gut an und macht Sinn. Das schafft Vertrauen (sollte das etwa erreicht werden? Das kann die Frittenbude um die Ecke einfacher, schneller und vor allem versteht das jeder). Und siehe da: Eine Spalte tiefer finde ich unter “sustainable” den Begriff “nachhaltig”. Da lag ich mit meiner Interpretation gar nicht so schlecht.

 

 

Hier der Text noch einmal in verständlicher Form:

"Die Allianz steht für Nachhaltigkeit, Kontinuität und Berechenbarkeit. Auch international wollen wir ein wichtiger Motor nachhaltiger Entwicklung werden."

Das hat doch was, oder? Das versteht jeder! Da muss man nicht gleich zum Wörterbuch greifen!

 

 

Ob es sich in diesem Fall bei der Allianz um einen Verständnisfehler handelt? Oder wird da psychologisch gearbeitet nach dem Motto: Je unverständlicher ich mich ausdrücke, um so gebildeter, kompetenter und professioneller wirke ich auf mein Gegenüber?

 

 

Ich kann und will nicht glauben, dass sich der erste Mann eines, ach was, des internationalen Versicherungskonzerns dazu hergibt, den rhetorischen Sondermüll seiner PR-Abteilung zu verklappen.

Lieber Herr Dr. Schulte-Noelle, glauben Sie allen Ernstes, dass ein nennenswerter Teil Ihrer Geschäfts- oder Privatkunden eine auch nur diffuse Vorstellung davon hat, was ein “commitment“ ist und was “sustainable development“ bedeutet? Wenn Sie den Menschen etwas mitteilen wollen, warum sagen Sie es nicht so, dass es jeder versteht? Ein Unternehmen, das die Sprache seiner Kunden spricht, wirkt übrigens wesentlich sympathischer und glaubwürdiger.

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Beispiel 2

Internetseite der BASF Sustainability
Bild vom 17.01.2003

Der Begriff “Sustainability” scheint in Großunternehmen wie ein Virus zu grassieren. Auf der gleichnamigen Seite der BASF wird zwar auch nur der Inhalt des Firmenprospekts umweltfreundlich entsorgt, dafür erhält der Surfer allerdings noch eine Erklärung dazu, was die BASF unter “sustainable development“ versteht:

”Den ökonomischen, ökologischen und sozialen Bedürfnissen der heutigen Gesellschaft gerecht zu werden, ohne die Entwicklungschancen künftiger Generationen zu beeinträchtigen - dieses Balance zu halten ist Grundgedanke der nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung, Sustainable Development.”

Das ist zwar auch watteweich, denn die BASF schweigt sich geflissentlich darüber aus, wie sie das als Chemiekonzern zu bewerkstelligen gedenkt, aber ich verstehe es, ohne ein Wörterbuch zur Hilfe nehmen zu müssen.

 

 

 

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